Das ist unser Awareness-Konzept für das Bewegungswochenende:
1. Was ist Awareness?
Der Begriff “Awareness” kommt aus dem Englischen „to be aware“ und bedeutet (im weiteren Sinne) „achtsam sein, sich bewusst sein, sich informieren, für gewisse Probleme sensibilisiert sein“.
Wir leben in einer Gesellschaft, die von ungleichen Machtverhältnissen geprägt ist. Menschen und andere Tiere werden aufgrund bestimmter Merkmale bevorteilt (Privilegierung) und benachteiligt (Diskriminierung) – ob absichtsvoll oder unbewusst ausgeübt.
Awareness stellt sich als Konzept gegen jede Form von Diskriminierung, Gewalt und Grenzverletzung. Verletzendes und grenzüberschreitendes Verhalten, wie z.B. sexistische, rassistische, antisemitische, queer-feindliche, ableistische, speziesistische, klassistische oder andere diskriminierende Übergriffe, haben bei uns keinen Platz und stehen im Widerspruch zu unseren Werten. Jedoch ist kein Mensch vorurteilsfrei und diskriminierungsfrei im Umgang mit anderen. Wir glauben daran, dass eine gewisse Fehler- und Kritiktoleranz wichtig ist, da wir alle jeden Tag dazulernen.
Deshalb muss eine bewusste Reflexion und Auseinandersetzung mit eigenen Priviegien und grenzüberschreitendem Verhalten bei jeder einzelnen Person stattfinden (kritische Selbstreflexion). Diese Auseinandersetzung kann nur von jeder Person selbst geführt werden – wir können sie nicht stellvertretend übernehmen.
Dieses Wochenende bietet Teilnehmer*innen den Raum miteinander zu lernen, sich zu vernetzen und unsere widerständige Bewegung weiter auszubauen. Wir verstehen Awareness als Aufgabe von uns allen.
Langfristig orientieren wir uns an Ansätzen der Transformativen Gerechtigkeit. Dabei geht es darum, Konflikte nicht nur individuell zu betrachten, sondern auch als gemeinschaftliche Verantwortung zu verstehen und daraus gemeinsame Lernprozesse zu ermöglichen – möglichst ohne auf staatliche Strukturen wie Polizei oder Strafsystem zurückzugreifen.
Damit die Anwesenheit von Ansprechpersonen aber garantiert ist, braucht es auch Menschen, die diese Care-Arbeit (Sich-Kümmern-Arbeit) in Form von Awareness-Schichten übernehmen.
Wollt ihr eine Schicht übernehmen, meldet euch gern bei Awareness-Menschen, die mit lila Armbinden gekennzeichnet sind. Für Menschen, die noch keine Erfahrung mit Awareness-Arbeit haben, sich dafür aber interessieren, bieten wir Skillshares an.
2. Wie funktioniert Awareness-Arbeit?
Awareness-Teams oder -strukturen auf Veranstaltungen sind ansprechbar für Menschen, die Grenzüberschreitungen erlebt haben oder ein persönliches Thema haben und sich im Umgang damit Unterstützung wünschen.
Dazu gehören Situationen, in denen Menschen sich durch Machtgefällte, Dominanzverhalten, Ausgrenzung oder andere Formen von Grenzüberschreitung unwohl oder unsicher fühlen. Außerdem sind wir ansprechbar, wenn Situationen starke Belastungen oder sogenannte Trigger auslösen. Wir versuchen, gemeinsam zu schauen, was in der Situation gerade unterstützen kann.
Wir arbeiten parteilich und in Solidarität mit betroffenen Personen. Dabei liegt die Definitionsmacht über die erfahrene Gewalt und/oder Grenzüberschreitungen vollständig bei der betroffenen Person. Außerdem wird von unserer Seite nichts unternommen, was die betroffene Person nicht möchte.
Die Awareness-Schichten während dem Bewegungswochenende sollen zu den Programmzeiten besetzt sein. Freitag: 14-22 Uhr / Samstag: 10-22 Uhr / Sonntag 10-16 Uhr
Wir sind ansprechbar, wenn ihr grenzüberschreitendes Verhalten, diskriminierende Vorfälle oder Gewalt erlebt/beobachtet oder ihr einfach eine Person zum Reden braucht. Ihr erkennt uns an den lilafarbenen Armbinden. Es gibt einen Rückzugsraum, den ihre jederzeit nutzen könnt. Bitte achtet auf einen respektvollen Umgang mit euren Mitmenschen und ihren Rückzugsbedürfnissen. Hier findet ihr Infomaterial, Hygieneartikel und Ablenkung. Wir arbeiten bedürfnisorient, und je nach Bedarf könnt ihr euch jederzeit zurückziehen.
Awareness-Handy: 015210144752
Bitte beachtet, dass auch Awareness-Personen Pause brauchen. Wenn Menschen gerade keine lilafarbene Armbinde tragen, sind sie aktuell nicht im „Dienst“ unserer Gemeinschaft und regenerieren ihre Kraft.
Die Awarenessschichten gehen jeweils 3 Stunden lang, und sind immer mit mindestens 2 Personen besetzt. Sollten beide Personen gleichzeitig nicht auffindbar sein, könnt ihr uns jederzeit unter der obenstehenden Nummer anrufen. Den Ruhebereich könnt ihr natürlich jederzeit nutzen, auch wenn wir nicht dort sind. Wir können leider keine Nachtschichten als Awareness besetzen, sind aber jederzeit über das Awarenesshandy erreichbar.
3. Wie kannst Du unterstützen?
Wir als Awareness-Team bieten von Diskriminierung betroffenen Personen konkrete Unterstützung an. Was wir NICHT leisten (können) ist z.B. Konfliktmanagement, Streitschlichtung oder therapeutische Arbeit. Wir als Awareness-Team auf dem Bewegungswochenende können euch leider nicht über das Wochenende hinaus begleiten. Bitte baut selbst entsprechende Strukturen in euren Bezugsgruppen auf, und wendet euch gern an uns für Unterstützung.
Jedem anwesenden Menschen sollte ein barrierearmer Zugang zu Veranstaltungen und Programmpunkten im Rahmen des Bewegungswochenendes ermöglicht werden. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Konzeptes ist es noch nicht möglich zu sagen, welche Barrieren wir nicht werden abbauen können. Auf der Homepage findet ihr auch das Konzept zum Umgang mit Barrieren für das Wochenende zum Nachlesen.
Es gibt ein freiwilliges Buddy-Gruppen-System, am Infopoint und im Barrierearmutskonzept könnt ihr euch dazu informieren, wenn ihr euch eine Buddygruppe wünscht.
Um den gemeinsamen Raum sicherer zu gestalten, ist jede*r Einzelne von uns verantwortlich dafür, dass das gelingt. Sei also achtsam im Umgang mit anderen Teilnehmer*innen und informiere dich bestenfalls auch schon im Vorfeld über mögliche Formen von Diskriminierung.
Eigene Position reflektieren
Herrschaft wirkt auch im Alltag: Je nach gesellschaftlicher Position haben Menschen unterschiedliche Voraussetzungen und ungleichen Zugang zu Ressourcen, Wissen, Sicherheit und Mitbestimmung. Manche bewegen sich daher selbstverständlicher durch Räume – etwa als weiße und/oder männlich gelesene Person, cis-Person, ohne Behinderung oder mit mehr ökonomischen Möglichkeiten.
Andere stoßen häufiger auf Barrieren, Ausschlüsse oder Abwertung.
Awareness heißt auch, die eigene Position in diesen Verhältnissen zu reflektieren und offen dafür zu bleiben, wie das eigene Handeln andere betrifft.
Am Infopoint findet ihr Texte, Materialien, und Denkanstöße – zum Mitnehmen, Lesen oder als Grundlage für Austausch, etwa in euren Bezugsgruppen. Darunter auch ein Text zu weißen Privilegien von Peggy McIntosh entwickelten Reflexionsfragen, heraus gesucht von Ende Gelände.
4.Für einen solidarischen Raum – unser gemeinsamer Rahmen/Kodex
Damit möglichst viele Menschen sicher teilnehmen können, brauchen wir einen gemeinsamen Rahmen. Dieser basiert auf gegenseitigem Respekt, Rücksicht und dem Bewusstsein, dass wir uns mit unterschiedlichen Erfahrungen, Positionen und Privilegien begegnen.
- Bitte lauft nicht oben ohne herum und bedeckt euren Oberkörper. Nur männlich gelesene Personen haben meist das Privileg, nicht durch einen nackten Oberkörper sexualisiert zu werden oder sich eventuell sogar strafbar zu machen. Um diese Asymmetrien ein Stück weit aufzubrechen, schwitzen wir solidarisch gemeinsam.
- Respektiert die Pronomen anderer Menschen und schreibt Menschen nicht aufgrund ihres Äußeren ein Geschlecht zu. Fragt Menschen, wie sie angesprochen werden möchten. Malerkrepp und Stifte bekommt ihr beim Infopoint. Wir freuen uns, wenn ihr euch ein Namensschild mit Pronomen macht und andere gegebenenfalls freundlich daran erinnert 🙂
- Sexistische, rassistische, antisemitische, queerfeindliche, ableistische, speziesistische, klassistische oder andere diskriminierende Äußerungen und Schimpfwörter haben auf dieser Veranstaltung keinen Platz.
- Konsum: Geraucht wird nur draußen in entsprechend gekennzeichneten Konsumzonen. Achtet beim Konsum von Substanzen darauf, dass ihr weiterhin gut an Workshops teilnehmen könnt und andere nicht beeinträchtigt. Wir wünschen uns einen verantwortungsvollen Umgang miteinander – zum Beispiel darauf zu achten, wer beim Rauchen in der Nähe steht und den Rauch abbekommt. Bei Fragen oder Unsicherheiten kommt gern auf uns zu.
- Bitte macht keine Fotos oder Aufnahmen von Menschen ohne deren Einverständnis. Auch körperliche Berührungen sollten nicht ungefragt stattfinden.
- Wenn sich Menschen vermummen oder eine FFP2-Maske tragen, respektiert das bitte und seid vorsichtig mit Nachfragen. Manche Menschen schützen so ihre Identität oder Gesundheit.
Wir bitten euch, auf einschüchternd wirkende Vollvermummung (z.B. Sturmmasken) zu verzichten und eher auf freundlich wirkende Vermummung wie FFP2-Masken, bunte Tücher oder Sonnenbrillen zurückzugreifen. Vollvermummung kann bei Menschen mit schlechten Erfahrungen Angst oder Stress auslösen. - Geht respektvoll mit der Privatsphäre und dem Sicherheitsbedürfnis anderer um.
- Geht nicht aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes davon aus, welche Sprache jemand spricht. Wenn Deutsch eure Umgangssprache ist, sprecht Menschen zunächst auf Deutsch an – auch wenn ihr aufgrund des äußeren vermutet, dass sie vielleicht kein Deutsch sprechen.
- Wenn ihr neugierig seid, welche Herkunft oder Identität hinter dem Äußeren einer Person steckt, haltet euch bitte zurück. Menschen entscheiden selbst, ob und wann sie Persönliches teilen möchten.
- Gerade als weiße Menschen ist es wichtig, bei kulturellen oder religiösen Symbolen sensibel damit umzugehen und sie nicht zu instrumentalisieren – etwa Warbonnets, Bindis, Kimonos oder „Afro“-Perücken.
- Achtet auch auf eure eigenen Bedürfnisse während der Workshops. Wenn ihr euch bewegen, etwas trinken oder kurz den Raum verlassen wollt, fühlt euch darin bestärkt. Pausen sind wichtig. Achtet dabei bitte auch auf das Ruhebedürfnis der Gruppe und der vortragenden Person.
- Bitte testet euch vor dem Wochenende auf Corona. Auch bei leichten Erkältungssymptomen mit Infektionsrisiko bitten wir euch, nur mit FFP2-Maske teilzunehmen und mehr auf Handhygiene zu achten. Tests, Masken und Desinfektionsmittel werden wir vor Ort haben. Denkt daran: Für manche Menschen kann bereits eine leichte Erkrankung schwerwiegende Folgen haben.
5. Wie geht es nach dem Bewegungswochenende weiter?
Wir wünschen viel Spaß beim Lernen und Austauschen auf dem Anarchie & Tierbefreiungswochenende und freuen uns darauf, euch dort zu sehen.
Falls ihr euch nach dem Wochenende noch Support mit emotionalen/psychologischen Themen wünscht, die (auf dem Wochenende) aufgekommen sind, ist u.a. der emotional-psychologische Support vom RAZ.eV für euch da.
Kontaktmöglichkeiten sind folgende:
SMS oder Signalnachricht an +49 1521 5638863
E-Mail an empsy-support@raz-ev.org
Ihr erreicht uns unter folgender e-mail:
awareness.anarchie-tierbefreiung@systemli.org
Zudem könnt ihr uns gerne Rückmeldungen, Fragen und Anmerkungen zu unserer Awareness-Arbeit schicken oder anonym auf dem Wochenende im Feedbackkasten. Diese werden wir nach dem Wochenende auswerten, reflektieren und daraus lernen.
Euer Awareness-Team
